Der Spiegel


Оригинал

I

Mein Spiegel liegt in Scherben.
Hab vergessen
die Zeit, das Jahr, das anbrach unterdessen,
was für ein Monat war und welcher Tag
und was es nächstens zu besorgen gab.

Auch weiß ich nicht mehr, kann mir nicht entdecken,
was an der leeren Wand mich wohl erschreckte –
wohl nichts –, wo eben noch ein Fluss gerauscht,
aus Glas war, den er heftig schlug, der Schaum.

In meinem leeren, hohl gewordnen Zimmer
war noch der letzte seiner dunklen Winkel
erfüllt vom Klirren wie gekreuzter Degen,
als die nun nicht mehr reflektierte Welt
zu schwinden schien, und gähnend sie befällt –
wie eines aufgerissnen Munds Verwundern –
die Ahnung, die Vorwegnahme von Leere,
aus welcher alle Merkmale geschwunden.

...............

Leer auch die Wand. Der Spiegel fehlt. Noch da
der Nagel nur, getrennt von ihm. Er war,
wie Vögel falln vom Himmel, jäh geplumpst,
wie ein herabgestürzter schwerer Klump.

Der Spiegel liegt in Scherben. Meine Schuld.
So bricht sich Bläue an dem Stein des Lebens,
nicht diesmal nur, das wird es immer geben:
die Schläfe an der Wand, das Schiff am Sturm.

So schrecklich, grausam war des Schicksals Gabe,
fühllos vollzogen wie bei jedem Schlage:
Tritt an die Tür. Dem Sohne an die Wang.
Als hätt in Fremden Brüder man erkannt.
Als schlüg das Herz, als ächze noch erstaunt
die aus der Hand gefallne Last im Raum...

II

Der Spiegel ging zu Bruche – unerheblich.
Ein böses Omen ist es, dass das Leben
in Ungnad fiel, wie Bäche in die Krümmung.
In wessen Ungnad? Unter wessen Himmeln?
Ein Krachen. Dunkel. Spannung weithin greift.
Zersplittrung des Gesichts, des Seins. Vielleicht
gesichtslos einer Vogelscheuche Trümmer.
Vor allem Neugierde. Angst kaum, wie immer.

Ich sah, von Träumen fern und von Gerede,
Licht funkeln wie von Splittern, Sand am Meere,
gespiegelt überall, wo immer sich
etwas am Leben hielt oder auch nicht.

Die Spieglung funkelte von allem, allem:
vom Lämpchen in der Ecke und vom alten
vornehmen Teegeschirr mit goldnen Ringen,
den weißen Wänden, nicht nur von den Dingen;

des Lichtes Abglanz kam, wie um zu segnen,
her von der Zugluft einer jäh’n Bewegung
von durchsichtiger, fingerloser Hand,
von Tränen, vom Gedanken, der verschwand
sobald, was fallen sollte, war gefallen...
Und still wurd’s, stille über allem,
als wär von Eis die Stille überfroren;
in einer Glocke, schien es, wie verloren
ein Ton erklang, als wollt die Stille sagen,
ich müsse bis zum Ende meiner Tage –
auf dieser Warnung schien sie zu beharren –,
auf des zerbrochnen Spiegels Splitter starren.

III

Riesige Spiegel gibt’s, konvex, gewölbt,
Fenstern in Schlössern gleichend, schon vergilbt
vor Alter, ähneln sie manch trüben Gassen,
nur dass sie keine Kerze schimmern lassen,
schaust du in sie hinein – denn von Natur
sind kühl sie, kühl und glatt: Architektur.

....................

Und Spiegel gibt es, reich geschnitzt, verziert,
außergewöhnlich, zauberhaft kreiert,
heben hervor sie sich von all den andern.
Doch was an ihnen jeden fasziniert,
ist nicht der Spiegel selbst, es ist der Rahmen;
der Spiegel macht die Füllung, nicht den Namen,
und wird er zufällig einmal zertrümmert,
bleibt eine Wunde nur, die keinen kümmert.

........................

Und es gibt Spiegel, die sind tief wie Brunnen,
sind zu zerbrechen nicht und zu verwunden.
Doch quillt in ihrer Tiefe etwas, sprudelt –
nicht Wein noch Wasser: alten Adels Kunde.
Schaust du zurück, versinkst du in dem Strudel.

...........................

Und Spiegel gibt es, wer hineinschaut, lacht.
Du siehst zwar jeden, doch nicht dich, das macht,
sie spiegeln Fremde, Freunde und Bekannte,
du selbst kommst rettungslos darin abhanden –
es zeigt sich in des Spiegels Konterfei,
wie sehr ein Mensch dem andern ähnlich sei.

...........................

Auch seh ich Spiegel andrer Art, normale,
sie schmücken Schlafzimmer, stehn auf Regalen.
Mit Rahmen, mal gewölbt, mal unverziert,
sind wirksam sie in Schaufenstern platziert.
Ich mag auch sie, das will ich nicht bestreiten,
beseh sie aber doch bislang von weitem.

...........................

Und Spiegel gibt es, sehr gescheit, vernünftig,
was sie beschreiben, ist genau und zünftig.
Manche sind platt, wie Spiegel eben sind.
Andre sind düstrer als ein Labyrinth,
schwärzer als Ruß. Ich achte sie nicht minder,
schau stets hinein, wie aus dem Fenster ’n Blinder.

......................

Und Spiegel gibt’s wie ausgeworfne Netze,
darin, wie Fische tief vom Grunde, winden
stumm sich Gedanken, sprachlos ausgesetzte,
solche sind zahllos...
Andre sind wie Kinder,
wie ein lebend’ger Einfall unter Schleiern.
Sie haben etwas, das wir nicht begreifen...

IV

Sie alle kenne ich.
Doch gibt es Einen...
Den Spiegel sah ich schimmern, sah ich scheinen
auf meiner Handbreit Spiegel, von der Wand
gefallen ohne Sinn, ohne Verstand,
und spiegelnd nun, was Schicksal ist geheißen,
der Stirne Schmalheit und des Herzens Weite.

Du kennst Ihn nicht, du kannst Ihn nur erahnen.
Er ist das Licht. Und dass das unsichtbare
Licht in uns ist, doch hoch und keinem gleich,
schafft Leiden dir, weil du Ihn nicht erreichst.

Der, außer uns und unserem Begehren,
ist Spiegel für sich, niemand kann ihm wehren,
ihm ähneln. Doch für mich ist er das große
gerechte Maß, die Mitte unsres Brotes,
die tausendfach vergrößert und gebrochen
in Spiegeln ist, von Tränen reich umflossen;
Er, scheint mir, ist der frische Wind auf See,
des Lebens Wasser, reifer Wein, der Schnee...

So ahnst du Ihn, so glaubst du Ihn zu sehen:
Vernichtend dich, verwundend und dich schlagend
mit dem, was du erträgst und hast ertragen.
Ewig geprüft bist du, verletzlich, elend.
Ein Nichts bist du vor Ihm, das man nicht sieht.
Dein kleiner Splitter, zielend zum Zenit,
wird Luft nur spiegeln, mag er noch so spähen.

V

O du mein Leben! Splitter von Kristallen,
gespiegelt tränenreich, von Gott erhalten.

...............

Du Splitter, sterblich, doch graniten hart:
So fest ist nichts wie was zersplittert ward.

.......................

Nicht wert der Liebe, doch von ihr gebrannt,
im Mosaik des Alls nicht sichtbar, nicht bekannt.

..........................

Mit dem gemähten Korn zur Erd gesunken,
hoffst du, ein Körnchen, auf den Gottesfunken.
Du Ascheteilchen, Merkmal insgeheim,
blitzt auf wie Staub in eines Lichtstrahls Schein.

Sei was du willst, solange du des Windes
Geräusch hörst, siehst die Welt und atmest Himmel,
bekenn von nun an, heut und immerdar:
„Es wird den Thron besteigen wie ein Zar
hier, wo das Schicksal mir das Leben schenkte,
ein Bote einst, er spiegelt sich im Menschen...“

Liebe ist Stummheit und Geschwätzigkeit;
nenn lieber geistig sie, Verletzlichkeit.
Lässt hinter dir du Grabschriften und Zeiten,v bewahre Sie und such nicht ihresgleichen
in dir, dir Gleichenden. Doch wenn du liebst,
erinnre dich an alle. Und dich selbst vergiss.

Mai 1992

Übersetzung aus Russisch von Erich Ahrndt

  Web design by Zlata Barshteyn, 2005.
Copyright © 2005-10, Все права защищены.